Abgrenzung Unternehmensstrategie zur Militärstrategie

Unternehmensstrategie

Abgrenzung Unternehmensstrategie zur Militärstrategie

Inwiefern lassen sich Unternehmensstrategie und Militärstrategie voneinander abgrenzen?

Die jeweils relevanten Strategieelemente im Militär und im Unternehmen haben in ihren tatsächlichen Erscheinungsformen einerseits zahlreiche Analogien (Henderson, 2000 S. 29), wenn auch auf einer sehr hohen Abstraktionsebene, andererseits aber auch sehr divergierende Eigenschaften prinzipieller Art (Gälweiler, 1987 S. 60). Zum einen handelt es sich um eine völlig gleiche Denkmethodik, was ihre abstrakten Ansatzpunkte betrifft, und zum anderen besteht eine Analogie in den strategischen Verhaltensgrundsätzen. (Gälweiler, 1987 S. 60)

Zielsetzung

Der Militärhistoriker Liddell Hart (1954) formuliert die Zielsetzung der Strategie in einem wichtigen Prinzip: „Das eigentliche Ziel besteht nicht darin, den Kampf zu suchen, sondern eine vorteilhafte strategische Position abzustreben, die, wenn sie die Entscheidung nicht selbst herbeiführt, einen nachfolgenden Kampf doch aussichtsreich erscheinen lässt.“ So ist der „sichtbare Konflikt [..] nur ein zeitweiliges Symptom für die anhaltende Bemühung, ein dynamisches Gleichgewicht zwischen Gegnern herzustellen. […] Das eigentliche Ziel der Parteien ist Stabilität in Frieden und größerer, dauerhafter Wohlstand. (Henderson, 2000 S. 29)“ In diesem Zusammenhang besteht eine klare Analogie zwischen der Militärstrategie und der Unternehmensstrategie.

Realisierung

Trotz dieser scheinbaren Analogie zwischen der Militärstrategie und der Unternehmensstrategie lässt sich dennoch ein wesentlicher Unterschied in der Realisierung erkennen. Die Militärstrategie beschäftigt sich vornehmlich mit Möglichkeiten und eine Vorbereitung auf einen Krieg. Paradoxerweise ist es zunehmend das eigentliche Ziel, dass diese militärstrategischen Pläne niemals in die Tat umgesetzt werden (müssen). Dies könnte vor allem im Zusammenhang damit stehen, dass die Militärstrategie nur eine Teilstrategie eines höheren Systems, wie der staatlichen bzw. politischen Führung ist, die einer sachlich umfassenderen und zeitlich weiter reichenden Strategie unterliegt. Demgegenüber ist das Wesen einer Unternehmensstrategie die fortgesetzte reale Verwirklichung der Strategien. Dabei haben Denken, Entscheidungen und Handeln stets eine Ausrichtung in die direkte Realisierung. „Sie hat es in allen ihren Ansätzen und Überlegungen mit einer durchgehenden und stets in die direkte Realisierung hinreichenden Kette von Denken, Entscheidungen und Handeln zu tun.“ (Gälweiler, 1987 S. 62)

Gegner

Eine Militärstrategie ist im Gegensatz zur Unternehmungsführung stets antagonistisch, hat also stets mit konkreten Gegnern zu tun. Solche Situationen können zwar in der Unternehmensführung vorkommen, jedoch nicht in jedem Fall. Während es im Krieg immer einen gibt, der auf Kosten eines anderen verliert, können bei der Unternehmensführung im optimalen Grenzfall alle gewinnen. So steht nicht stets einem Gewinn eines Unternehmens ein entsprechender Verlust eines anderen gegenüber. Dabei besteht die eigentliche Kunst eher oft darin, „die stets gegebene potentielle Gegnerschaft in keinem höherem Ausmaß zu einer aktuellen werden zu lassen, wie es für die eigene Position ungefährlich ist.“ (Gälweiler, 1987 S. 60f.) Nach Oetinger (2000b) hingegen, richtig sich Strategie immer gegen Wettbewerber: „Gegen bereits vorhandene und gegen theoretisch mögliche. Selbst wenn diese heute noch nicht erkennbar sind oder wenn sie sich noch nicht entschieden haben, in den Markt einzutreten.“

Zeitlicher Rahmen

Während die militärstrategisch obersten Ziele in einer möglichst kurzen Zeit erreicht werden wollen und dabei die Geschwindigkeit im Raum und das Überraschungsmoment eine wesentliche Rolle spielen, ist es bei der Unternehmungsstrategie gerade umgekehrt. Hier ist das unternehmungsstrategische Ziel „stets die Sicherung der Erfolgsfähigkeit der Unternehmung über eine möglichst lange und nach vorn offene, d. h. unbegrenzte Zeitstrecke hinweg in die Zukunft hinein.“ Kriege sind demnach „stets zeitlich begrenzte Vorhaben und daher diskontinuierlich verlaufende Vorgänge.“ (Gälweiler, 1987 S. 61) Demgegenüber ist der strategisch relevante Handlungsspielraum in der Unternehmung fortgesetzt, ununterbrochen und zeitlich unbegrenzt (Gälweiler, 1987 S. 62).

Teil- oder Gesamtstrategie

Militär- und Unternehmensstrategie dienen beide der Sicherung der Überlebensfähigkeit eines Systems. Während jedoch die Militärstrategie lediglich eine Teilstrategie eines Subsystems ist, entspricht die Unternehmensstrategie einer Gesamtstrategie. Die Militärstrategie ist immer ein „untergeordneter Teil und Element einer sachlich umfassenderen und zeitlich stets weiter reichenden Staatsstrategie.“ (Gälweiler, 1987 S. 62) Somit besteht eine höhere Gleichartigkeit in den wesentlichen Struktureigenschaften zwischen Staats- und Unternehmensstrategie, als zwischen Militär- und Unternehmensstrategie. (Gälweiler, 1987 S. 63)

Klarheit und Transparenz

Im Vergleich zur Militärstrategie sind die wesentlichen Faktoren zur permanenten Sicherung des Unternehmenserfolges wesentlich komplizierter und weniger durchschaubar. Während ein Feldzug oder ein Krieg einen hohen Grad an Klarheit und Transparenz in Bezug auf seinen Erfolg oder Misserfolg besitzt, entzieht sich das komplexe Wirkungsgefüge in Unternehmen oft der menschlichen Erkenntnis. (Gälweiler, 1987 S. 63)

Ein Vorteil der Militärstrategie besteht auch darin, dass die relevanten Einzelheiten für eine breite und intensive Erfolgsforschung im Nachhinein fast immer alle verfügbar sind: (Gälweiler, 1987 S. 63) „Dazu gehören:

  • die Entstehungsanlässe eines Krieges in ihren mannigfachen Komponenten und Wechselwirkungen;
  • die strategisch relevanten Ausgangsbedingungen;
  • Art und Zeitpunkt der strategisch relevanten Entscheidungen;
  • die dabei maßgebenden Überlegungen;
  • die dabei einbezogenen und/oder vernachlässigten Faktoren;
  • der Ablauf des operativen Geschehens in allen für den Endausgang wesentlichen Phasen und Wendepunkten.“ (Gälweiler, 1987 S. 63)

Im Vergleich dazu, ist es in den Unternehmen wesentlich schwieriger ähnliche Vorgänge mit vergleichbarer Eindeutigkeit und Transparenz zu finden. (Gälweiler, 1987 S. 63)

Die vorangegangene Abgrenzung der Militärstrategie von der Unternehmensstrategie konnte zeigen, dass eine uneingeschränkte Anwendbarkeit von Militärstrategien im Unternehmensbereich nicht gegeben ist.

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Q U E L L E N:
Gälweiler, A. 1987. Strategische Unternehmensführung. 3. Aufl. Frankfurt/New York : Campus, 1987.
Hart, L. B. H. 1954. Strategy. s.l. : Praeger, 1954. S. 164, 347, 365
Henderson, B. D. 2000. Das Konzept der Strategie. [Hrsg.] Bolko v. Oetinger. Das Boston Consulting Group Strategie-Buch: Die wichtigsten Managementkonzepte für den Praktiker. 7. Auflage. Düsseldorf : Econ, 2000. engl. 1980.

Mein Name ist Gerrit Hamann. Ich wohne und arbeite in der Metropolregion Rhein-Neckar, in Mannheim. Hier studierte ich BWL und sammelte über 18 Jahre Praxiserfahrung in unterschiedlichen Branchen, vornehmlich in Führungspositionen, und als mehrfacher Gründer. Ich wurde zertifiziert durch die Offizielle Qualitätsgemeinschaft internationaler Wirtschaftstrainer und
 -berater e.V. sowie durch das Institut für Trainingsentwicklung
 und Methodenforschung. Außerdem bin ich Autor mehrerer Publikationen in den Fachbereichen Volks- und Betriebswirtschaft.

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